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26.06.2009 / 14:48 | Wir über uns | Interviews mit Bernhard Fricke
Interview mit Bernhard Fricke
    Bild wurde überspielt von: Johanna Bassler Der Davidsweg der kleinen Schritte mit großer Perspektive
DER „DAVIDS WEG“
DER KLEINEN SCHRITTE MIT
GROßER PERSPEKTIVE
Nun zu dem Namen „David gegen Goliath“:
Er kam mir plötzlich durch Inspiration!
Und bereits drei Minuten später war
die dynamische Abkürzung klar: DaGG.
Ich kannte ja die Geschichte von David gegen
Goliath, aber ich hatte sie noch nie als
Metapher wahrgenommen. David bedeutet
einfach der Kleine, der eigentlich keine
Chance hat und doch erfolgreich ist. David,
der den übermächtigen Goliath, den
Atomgoliath, den Wachstumsgoliath, mit
minimaler Einwirkung zur Strecke bringt.
Obwohl wir sehr wenig finanzielle Mittel
haben, ist es uns gelungen, jahrelang das
Thema der Atomenergie im Bewusstein der
Menschen wach zu halten und den Unfall
von Tschernobyl als Anlass zu nehmen, sich
zu fragen: „Was will uns Tschernobyl als
Botschaft sagen?“. Wir haben dann die
Metapher weitergeführt und diesen Weg
INTERVIEW MIT
BERNHARD FRICKE
NATUR & HEILEN: Herr Fricke, Sie sind
Rechtsanwalt und Gründer der Organisation
„David gegen Goliath e. V.“ – den Menschen
und der Umwelt zuliebe –, die in diesem
Jahr ihr 20-jähriges Jubiläum feiert.
Was hat Sie damals zu diesem inhaltsvollen
Namen inspiriert?
Bernard Fricke: Als sich am 26. April 1986
die Atomkatastrophe von Tschernobyl ereignete,
wurden wir zum ersten Mal in der
Menschheitsgeschichte mit dem größten
anzunehmenden Unfall (GAU) konfrontiert,
2000 km von uns entfernt. Es war etwas
passiert, vor dem lange vorher gewarnt
wurde und das die Atomenergie, bis
dahin als sicherste und sauberste Energiequelle
gefeiert, ad absurdum führte. Als
Reaktion auf diese Atomkatastrophe fand
sich eine Gruppe von Menschen über alle
Parteigrenzen hinweg zusammen, die ihrer
Ohnmacht eine Stimme verleihen wollte:
„Wir wollen keine hilflosen Opfer sein, wir
wollen keine Geisel der Atomenergie sein!“
Ein Unfall wie Tschernobyl kann sich jederzeit
auch bei uns wiederholen, es gibt angeblich
jedes Jahr 120 amtlich registrierte
Störfälle. Ob ein Störfall die Kategorie A, B
oder C – es gibt insgesamt fünf Kategorien
– hat, ist reiner Zufall. Da kann der Mensch
nichts mehr beeinflussen. Dies zeigt, wie
unsicher diese Technologie ist.
Diese Arbeit, vor der Gefahr der Atomenergie
zu warnen und immer wieder Zeichen
für andere zu setzen, erfüllt mich sehr.
38 NATUR UND HEILEN 11/2006
INTERVI EW
ZERSTÖRUNG INNEN –
ZERSTÖRUNG AUSSEN
1986 wurde die Umwelt-, Menschen- und Tierrechts-Organisation „David Gegen Goliath“
als Reaktion auf die Atomkatastrophe von Tschernobyl gegründet. Mit zahlreichen
Aktionen wirbt sie für ein verantwortliches Engagement für unsere Gesellschaft, die
Natur und die Umwelt und lädt zum fröhlich-aktiven Mitmachen auf dem Weg der kleinen
Schritte mit großer Perspektive ein. Die Verbindung von Politik und Spiritualität, also die
Verantwortung für außen und innen und die Rückbesinnung auf tragende Werte sind
für „David gegen Goliath“ immer wichtiger werdende Anliegen. NATUR & HEILEN sprach
mit dem Vorsitzenden der Organisation, Bernhard Fricke.
WEGE DER HEILUNG
gegen die Zerstörung unseres Planeten
den „Davids Weg“ genannt, also den Weg
der kleinen Schritte mit großer Perspektive.
N & H: Der „Davids Weg“ gegen die
großen Hindernisse, also der Weg der kleinen
Schritte gegen die Widerstände, die
immer auftauchen, gleichgültig welches
Projekt man sich vornimmt. Das scheint
überhaupt der Weg des Menschen auf dieser
Welt zu sein.
Bernhard Fricke: Ja, das ist ein Urmythos,
wobei am Anfang nur das Bild „David gegen
Goliath“ stand. Ich muss dazu sagen,
dass die Gruppe „David gegen Goliath“
zunächst eine Plattform von fünf verschiedenen,
nicht parteipolitischen Organisationen
war, die miteinander Protestaktionen
initiiert haben. Es gibt in Deutschland im
Gegensatz zu Frankreich keine Volksabstimmung.
So war es nicht möglich, ein direktes
Referendum über die Atomenergie
zu initiieren. Wir konnten aber damals immerhin
200 000 Unterschriften in drei Monaten
sammeln! Dann kamen aber die
bayerischen Landtagswahlen und das
bayerische Volk hat den Worten der Politiker
Glauben geschenkt, nämlich dass die
deutschen Atomkraftwerke sicher sind. Die
Bürger haben trotz Tschernobyl weiter auf
die Atomenergie als Träger unserer Energiequelle
gesetzt.
EINE POSITIVE ALTERNATIVE
ANBIETEN
N & H: Meistens sind es Trägheit und Bequemlichkeit,
die einem Mangel an Engagement
zugrunde liegen. Es verlangt Kraft
und Entschiedenheit, Verantwortung für die
Gestaltung seines Lebens und der Welt, in
der wir leben, zu übernehmen.
Bernhard Fricke: Ja, das ist ein entscheidender
Aspekt. Ich muss aber auch sagen, dass
unsere Gruppe am stärksten war, als wir
am Anfang in der Gegenposition waren,
also gegen die Atomenergie in Deutschland,
gegen Wackersdorf, gegen die Wiederaufbereitungsanlage.
Da befand sich
Goliath, also die Repräsentation des „Bösen“,
im Außen. Im Zuge der Weiterentwicklung
unserer Gruppe, die von der persönlichen
Ganzwerdung nicht getrennt
werden kann, sind wir in langen Reflexionen
immer mehr zu dem Schluss gekommen,
dass es nicht ausreicht, gegen etwas
zu sein – gegen die Atomenergie –, sondern
dass es notwendig ist, eine gleichgewichtige
Alternative entgegenzubringen.
Und so kam es zwei Jahre danach, 1988,
zu der Initiative „Kontra Atom, pro Sonnenenergie“.
Die Sonne war immer schon in allen
großen Menschheitskulturen Ausdruck
des Geistig-Göttlichen gewesen – ob man
Ägypten insbesondere nimmt, oder Mexiko
mit den Inkas und Azteken, auch Indien
oder China. Und auf der energetischen
Ebene ist sie die unerschöpflichste, sozialverträglichste
Energiequelle, die uns das
10 000fache des Energieverbrauchs der
ganzen Erde liefert. Die große Aufgabe
bleibt aber, den richtigen Speicher für diese
ungeheure Menge an Energie zu finden.
Ich bin mir sicher: Wenn wir uns zum Ziel
setzen würden, aus der Atomenergie auszusteigen
und uns auch von den fossilen
Brennstoffen, also Erdöl, Kohl und Gas, als
Energiequelle distanzieren würden, wären
wir mit der Frage der Speichermöglichkeit
konfrontiert. Aber es gibt keinen Zweifel:
Die Sonnenenergie verschafft uns ein
größtmögliches Maß an Autonomie. Wir
hätten ja andere Möglichkeiten, eine andere
Energiepolitik zu betreiben, aber die
notwendigen Schritte werden aus undurchsichtigen,
wirtschaflichen Gründen nicht beschritten.
N & H: Der „Davids Weg“ scheint also mit
einem Lernprozess verknüpft zu sein.
Bernhard Fricke: Absolut! Nach dem ersten
Schritt, der mit dem starken Impuls: „Wir
müssen etwas unternehmen, Tschernobyl
hat etwas mit uns zu tun!“ einherging, kam
der zweite Lernschritt, der uns klar zeigte:
„Wir können nicht nur gegen etwas sein,
sondern müssen eine Alternative anbieten.“
Dann kam der dritte Schritt mit den 11 Umweltgeboten.
Uns wurde bewusst, dass wir
uns nicht ausschließlich auf das Energieproblem
fokussieren, sondern uns der Umweltproblematik
als Ganzem widmen sollten,
also der Verschmutzung der Luft, des Wassers,
der Erde, unserem Umgang mit den
Tieren, mit den Pflanzen, der Debatte um
die Genmanipulation.
Es war eine entscheidende Wende, als
40 NATUR UND HEILEN 11/2006
„DAVID“ BEDEUTET
„DER KLEINE“, DER
EIGENTLICH KEINE
CHANCE HAT UND
DENNOCH DEN
ÜBERMÄCHTIGEN
„ATOMGOLIATH“ ZUR
STRECKE BRINGT
wir erkannten, dass wir selbst an all diesen
Problemen beteiligt sind, und dass es nicht
darum ging, den Politikern die Verantwortung
zu überlassen. In dem Augenblick, wo
wir ein Problem erkennen, können wir es
auch lösen. Nicht die Politiker allein sind für
die Lösung zuständig, sondern: „Fang bei
dir selbst an, also geh in die Handlung!“
Das klassische Gebot heißt immer: „Du
sollst!“ An dessen Stelle haben wir: „Ich
will!“ gesetzt. Also: „Ich will alles tun, um
weniger Wasser zu verbrauchen. Ich will
kein Wasser über die Klospülung verschwenden,
ich will meine Wohnung stattdessen
mit intelligenten Wasserspargeräten
ausrüsten.“
Diesem „Du sollst!“, das eine äußere Autorität
darstellt, haben wir ein positives, autonomes
„Ich will!“ entgegengesetzt: Ich, ein
autonomer, einsichtsfähiger Mensch, sehe
ein Problem, erkenne meinen eigenen Anteil
daran und sage: „Ich fange mit dem ersten
Schritt nicht übermorgen an, auch nicht
in einem Jahr, sondern heute!“ Und wenn
dies jeder von uns tun würde, würden wir
mit Sicherheit eine ansteckende Wirkung
auf unsere Familie, unsere Freunde, unsere
Nachbarn ausüben. Denn an dieser Stelle
fängt das morphogenetische Feld, von
dem Rupert Sheldrake spricht, an zu wirken.
Wenn wir die Dinge bewusst tun, also
kleine Schritte mit großer Perspektive machen,
wie David es tut, fangen wir an einer
Stelle an, ein Problem konkret zu lösen.
Und gleichzeitig – da wir Teil des großen
Ganzen sind – trägt unsere Problemlösung
zur Harmonisierung des Ganzen bei.
FANGT AN! WARTET NICHT!
N & H: Deshalb ist es in Ihren Aktionen Ihr
großes Anliegen, Menschen zu zeigen,
dass sie, egal, wo sie sind, etwas tun können.
Wenn jemand merkt, dass etwas für
ihn nicht stimmig ist, soll er in die Handlung
gehen!
Bernhard Fricke: Ja, „Fangt an!“ ist die
wichtigste Botschaft. „Wartet nicht!“ Unsere
Philosophie beruht auf fünf Feststellungen:
1. Wir Bürger dieser Erde befinden uns
heute in einer dramatischen Lage. 2. Wir
haben alle einen Anteil an diesen Problemen.
Denn alles, was sich im Außen manifestiert,
hat etwas mit uns zu tun. 3. Wenn
wir das erkannt haben, dann können
wir in unserem Bereich anfangen,
die Probleme zu lösen: „Wie
gehe ich mit den Pflanzen in meinem
Garten um? Was für ein Energieverhalten
habe ich? Wie viel
Strom verbrauche ich? Was habe
ich für ein Fahrzeug? Wo lege ich
mein Geld an? Wo kaufe ich ein?“
und schließlich „Mit wem verbinde ich
mich?“ Und damit sind wir bei dem 4.
Schritt. Das ist ein ganz wichtiger Punkt:
Sich mit anderen zu solidarisieren, sich mit
Menschen zu verbinden, die auch unter
diesen Problemen leiden und die auch zu
deren Veränderung beitragen könnten.
Und jetzt kommt der Trumpf: Wenn wir das
Problem erkennen, entsprechend handeln
und uns mit anderen vernetzen, dann ist
unser Tun im Dienste des Ganzen, dann
können wir mit dem Segen unseres Tuns,
mit der Unterstützung der geistigen Welt
rechnen.
Es gibt keinen willkürlichen, autoritären
Gott, der das Schicksal der Welt lenkt, der
die einen reich und schön und die anderen
arm und krank macht. Gott hat uns die
Freiheit gegeben, zu tun und zu lassen, wie
wir es wollen.
N & H: Der freie Wille...
Bernhard Fricke: Ja, der freie Wille. Wir allein
sind es, die uns in diese aussichtslose Situation
hineinkatapultiert haben. Wir befinden
uns nicht schicksalhaft in einer
Wüste, in der wir kein Wasser finden. Wir
haben diese Welt ja selbst kreiert. Wir haben
mit dem unglaublichen Wissen, das wir
erworben haben, technologische Fortschritte
erzielt und die Erde umgestaltet.
NATUR UND HEILEN 11/2006 41
„Wir haben unglaubliche
technologische
Fortschritte erzielt und
die Erde umgestaltet
– dies aber nicht in
Anbindung an eine
göttliche Kraft.“
Aber wir haben es nicht in Anbindung an
eine göttliche Kraft getan. Wir haben die
Natur als minderwertig behandelt, haben
auf der Erde gewütet, haben das Spiel mit
den Atomkernen gespielt – und jetzt können
wir die Geister, die wir riefen, nicht
mehr ausbalancieren. Zum ersten Mal in
der Menschheitsgeschichte haben wir die
Möglichkeit, kollektiv Leben zu schaffen –
über die Gentechnologie – und kollektiv
Leben zu vernichten. Eigentlich befinden
wir uns in einem großen Schiff auf dem
Ozean, das weitgehend führerlos geworden
ist. Nur durch die Verbindung mit der
göttlichen Quelle kann im letzten Moment
noch eine Umkehrung, eine Harmonisierung
stattfinden.
N & H: Das geht nur, wenn wir Spiritualität
in allen Bereichen unseres Lebens integrieren,
wenn wir das Bewusstsein entwickeln,
dass sich die göttliche Kraft in der Aufgabe,
der wir uns widmen, ausdrückt. Wir manifestieren
sie in dem, was wir tun.
Bernhard Fricke: Ja, so ist es. Das Engagement
wird zur Berufung. Und trotzdem
bleibt der Weg voller Hindernisse. Nachdem
ich die Überzeugung gewonnen hatte,
es wäre meine Aufgabe, zur Abschaffung
der Atomenergie beizutragen – ich
wollte wirklich mit anderen zusammen an
die Front gehen und an dieser entscheidenden
Problematik mitwirken –, wurde
ich im Zuge meiner Erkenntnisse viel bescheidener.
Ich hatte eine große Vision,
ohne diese Vision hätte ich mich nicht auf
diesen Weg begeben.
DEN POSTIVEN KRÄFTEN
MEHR RAUM GEBEN
N & H: Die Vision lenkt, die Begeisterung
ist der Motor...
Bernhard Fricke: Ja, sonst fängt man gar
nicht erst an. Die Vision gibt uns die Kraft,
uns auf den Weg zu machen und weiter zu
schreiten – trotz der vielen Hindernisse, die
auftauchen. Es war auch wichtig für mich
festzustellen, dass die sogenannten bösen
Kräfte nicht nur außerhalb von mir sind,
sondern dass auch in mir die aggressiven,
destruktiven, finsteren Kräfte wirken. Das
zu erkennen, tut sehr weh. Aber dann
kommt die Erkenntnis: „Ich bin wie jeder
Mensch. In mir wirken sowohl die göttlichen,
lichten als auch die destruktiven, dunklen
Kräfte.“ Und dann aus dieser Erkenntnis
heraus die Entscheidung zu treffen:
„Welchen Kräften gebe ich jetzt mehr
Raum?“ Das ist der entscheidende Punkt,
an dem jeder für sich die Entscheidung zu
treffen hat für das, was man isst, was man
liest, mit welchen Menschen man sich umgibt,
über welche Dinge man spricht. Sich
also in jedem Moment seines Lebens über
seine Gedanken, seine Gefühle und auch
seine Handlungen im Klaren sein, sich auch
meditativ oder im Gebet mit der göttlichen
Kraft zu verbinden. Das ist für mich die
Ebene, die mir hilft, die intensiven politischen
Auseinandersetzungen zu ertragen.
Von meinem Freund, dem indianischen
Häuptling Sun Bear, habe ich sehr viel gelernt.
Wie kein anderer zuvor hat er mich
daran erinnert, dass wir alle Teil der Natur
sind, dass die Erde unsere Mutter, der
Baum unser Bruder ist. Sun Bear zeigte mir,
mit dem Wind, mit dem Wasser, mit den
Pflanzen in einer ehrfurchtsvollen Form zu
sprechen. Er sagte: „Die Erde ist heilig. Wir
müssen die Erde als eine Manifestation des
Göttlichen, als unsere Mutter betrachten
und ihr mit Achtsamkeit gegenüber treten.“
Dieser Begriff des Heiligen ist mir im Laufe
der Jahre immer wichtiger geworden.
Denn in unserer Gesellschaft, in der alles
enttabuisiert worden ist, gibt es keinen geschützten
Raum mehr, um in Kontakt mit
der göttlichen Welt zu treten. Und doch: In
42 NATUR UND HEILEN 11/2006
„Die Erde ist
heilig. Wir müssen
ihr mit Achtsamkeit
gegenübertreten.“
meinem Zimmer, in meinem Haus, im Wald,
an jedem Ort kann ich diese Verbindung zu
Gott herstellen, und zwar in Ehrfurcht und
Dankbarkeit, weil ich mich als Teil der göttlichen
Energie sehe.
DER POLITISCHE UND
DER SPIRITUELLE WEG
N & H: Wir leben dieses Leben, um die
Göttlichkeit, unsere Göttlichkeit auszudrücken
– je nach Anlage. Bei Ihnen manifestiert
sie sich durch Ihr Engagement gegen
die Atomkraft, für eine natürliche,
unerschöpfliche Energiequelle. Das ist ein
Weg auf des Messers Schneide und gleichzeitig
eine Fügung.
Bernhard Fricke: Ja, ich bin mit dieser Herausforderung
in diesem Leben konfrontiert.
Für jemand anderen gibt es wieder eine
andere Aufgabe. Das kann der Kampf gegen
das Elefantenmassaker in Afrika, das
kann auch das Sterben von hungernden
Kindern oder der Krieg in Afghanistan sein
– gleichgültig, wohin uns unser Weg führt,
es ist entscheidend zu erkennen, dass der
Kampf, der im Außen geführt wird, der an
äußeren Phänomenen festgemacht wird,
einem inneren Wandlungsprozess entspricht.
So hat auf dem sozial-politischen
„Davids Weg“ meine eigene Wandlung
stattgefunden, es sind daraus spirituelle Erkenntnisse
gewachsen.
N & H: Das ist ein sehr interessanter Punkt:
Zunächst war es vordergründig ein sozialpolitisches
Engagement, das sich dann immer
mehr als ein spiritueller Weg entpuppt
hat.
Bernhard Fricke: Ja, genau. Das war ein
Weg, der von außen in das Innere geführt
hat. Und das Besondere daran ist, dass der
Weg jetzt wieder von innen nach außen
geht. Ich kann jetzt sagen, dass die Verbindung
zwischen Innenpolitik und Spiritualität
meine eigentliche Lebensaufgabe ist. Mein
Weg ist eine Mischung aus innerer und
äußerer Aktivität: Einerseits der politische
Weg, als Bürger dieser Welt Verantwortung
zu übernehmen, und andererseits der
spirituelle Weg in Verbindung mit der göttlichen
Kraft.
„Wo wollen wir denn überhaupt hin?“
Diese Frage stellt heute keiner mehr, obwohl
wir in einer Welt leben, in der jede
Stunde 4000 Kinder sterben, in der 80 %
der menschlichen Ressourcen für Rüstung,
also für Vernichtung, ausgegeben werden.
Die Grundfrage, die wir uns stellen sollten,
ist: „Wollen wir einen anderen politischen
Weg gehen, der von uns große, aber freiwillige
Veränderungen abverlangt?“ Denn
der Lebensstil, den wir im Westen pflegen,
geht auf Kosten der Dritten Welt, auf Kosten
unserer Kinder und der nachfolgenden
Generationen, schließlich auf Kosten
der Natur und der Umwelt. Gerade jetzt,
wo nicht nur die Vernichtung von Leben,
sondern überhaupt die Vernichtung des
ganzen Planeten im Vordergrund steht, ist
unsere Aufgabe um so dringender, uns
dieser großen Herausforderung zu stellen.
Ein weiterer Leitspruch von „David gegen
Goliath“ ist: „Wenn uns unsere Kinder fragen:
„Was habt ihr dagegen getan? Wollt
ihr wieder sagen, ihr hättet nichts davon
gewusst?“ Das will ich mit meinem Engagement
verhindern.
Obwohl sich im Laufe der Zivilisation
der Mensch aus Weisheitslehren und Religionen
gespeist hat, die ihn Liebe, Achtung
vor den Geschöpfen und Toleranz gelehrt
haben, hat er sich für Gewalt und Negativität
entschieden. Und ich frage mich immer:
Wie kommt es eigentlich dazu? Wir
wissen doch um unsere eigene Göttlichkeit,
warum verhalten wir uns denn immer wieder
in einer chronischen Abfolge wider unsere
göttliche Natur. Wir sind nicht getrennt
von Gott, Gott wirkt in uns in jedem Moment
unseres Lebens. Diesen göttlichen
Kern in uns zu entdecken und uns nicht von
allem, was uns umgibt, entmutigen zu lassen,
ist unsere eigentliche Lebensaufgabe.
Von uns allen. Es ist wichtig, dass wir diese
beiden Aspekte in uns erkennen: Einerseits
den göttlichen Kern stärken und andererseits
hinausgehen – zu den anderen Menschen
und ihnen die Hand ausstrecken, ihnen
Mut machen und sie trösten.
N & H: Also den anderen den Diamanten
weitergeben, den man im Laufe der Prüfungen
geschliffen hat.
Bernhard Fricke: Ja! Und umgekehrt wird
man auf diesem Weg wieder andere
Menschen treffen, die einen weiter brin-
NATUR UND HEILEN 11/2006 43
ES REICHT NICHT
AUS GEGEN ETWAS
ZU SEIN – SONDERN
ES IST NOTWENDIG,
EINE GLEICHGEWICHTIGE
ALTERNATIVE
ENTGEGEN
ZU SETZEN
gen. Aber ich muss ehrlich sagen, dass ich
es mir nicht so schwer vorgestellt habe.
Das war ein großer Lernprozess, zunächst
sogar eine Enttäuschung. Aber dann habe
ich erkannt: Es gibt eine große Familie, die
sich nicht aus dem so genannten Blutsband
speist, sondern die aus Seelenverwandten
besteht. Auf meinen vielen Reisen durch
die Welt habe ich immer wieder Menschen
getroffen, die ich vorher gar nicht kannte,
mit denen ich mich aber für einen Augenblick
eins und verbunden gefühlt habe.
Das sind meine wirklichen Brüder
und Schwestern. Aber zu denken,
dass den Weg der Liebe, der Verbindung
mit der göttlichen Kraft zu gehen
eine leichter Weg ist, wäre die
größte Illusion. Es gab Phasen, in denen
ich sehr bedrückt und entmutigt
war und mich dennoch letztendlich
dieser Kraft geöffnet habe und erkannt
habe: „Ich bin am Ende meiner
Kräfte, ich kann nicht mehr weiter
gehen, ich weiß keinen Ausweg
mehr.“ In meiner Hilflosigkeit vertraute
ich mich dieser Kraft an und konnte
wieder ein Stück weitergehen.
DIE FÜLLE DES LEBENS
UND DIE FREUDE
AUSDRÜCKEN
N & H: Meinen Sie nicht, dass ein Lernprozess,
sei es im Bereich der Heilung
oder der inneren Entwicklung, sprunghaft
und nicht linear vonstatten geht? Es
ist wie ein Aneinanderreihen von Phasen
des Stillstands und Phasen des Wachstums.
Bernhard Fricke: Ja, ich sehe, wie Sie es sagen,
das Leben als eine Vielzahl von kleinen
Geburten, von neuen Räumen, die es
zu erobern gilt. Natürlich werden wir dabei
die Erfahrung von Einsamkeit, Enttäuschung,
Traurigkeit machen. Aber gerade
in diesen Momenten, wo wir uns ganz verlassen
fühlen, bekommen wir die göttliche
Begleitung zu spüren. Ich bin vielleicht am
Ende, aber ich weiß, dass es eine Kraft
gibt, die viel größer ist als meine eigene
und der ich mich anvertrauen kann. Ich
weiß, dass es eine Kraft gibt, die immer für
mich da ist und mit der ich mich austauschen
kann. Das ist auch die Kraft, die mir
die ganzen Jahre hindurch ermöglicht hat,
meinen Weg zu gehen. Und letztendlich
habe ich immer darum gebeten, dass ich
den Weg mit Freude und Liebe gehen
kann. Ich wünsche mir sehr, dass man es
schaffen kann – und dies nicht als Bettler
mit Asche umhüllt oder als Asket bzw. Märtyrer
–, die Liebe, die in uns wirkt, in unsere
alltäglichen, materiellen Verpflichtungen
und Bedürfnisse einfließen zu lassen. Dass
unser Leben diese Fülle, diese Freude im Innen
wie im Außen ausdrückt.
Immer wieder werden wir in einen Zustand
des Einswerdens geführt, meistens in
einem Moment des Schweigens, meistens
verbunden mit Naturerlebnissen: Ein Sonnenaufgang,
das Flüstern des Windes, das
Rauschen eines Bachs – in diesen Augenblicken
sind wir Teil des Ganzen, dem wir
uns staunend, dankbar, ehrfürchtig, verneigend
anvertrauen. Diese Räume zu erfahren,
gibt uns schließlich die Kraft, auf unserem
Weg weiter zu schreiten.
N & H: Die Freude, von der Sie sprechen, ist
sehr wichtig. Sie treibt uns vorwärts.
Bernhard Fricke: Ohne Freude geht nichts.
Es fängt mit den kleinen Freuden beim Aufstehen
an: Auf den Balkon gehen und den
Tag begrüßen zum Beispiel. Oder im Wald
spazieren zu gehen und einen Baum zu
umarmen – das sind ganz konkrete Gesten,
die es ermöglichen, sich mit seinem inneren
Kern zu verbinden. Das sind uralte
Energien, mit denen die Menschen sich zu
allen Zeiten verbunden haben. Solange
hochentwickelte Menschen ihre Fähigkeiten
auf die göttliche Kraft bezogen haben und
sich als Diener empfunden haben, war diese
Zivilisation in voller Blüte. Aber in dem
Augenblick, als die Menschen sich von der
göttlichen Kraft abkoppelten und sich als
die eigentlichen Macher empfunden haben,
ging sie zu Ende.
Wir haben so viele Waffen angehäuft,
dass unsere Welt ein einziges Pulverfass
geworden ist. Wir haben es verpasst, in
der Schule unsere Kinder zu Liebe und
Achtsamkeit zu erziehen. Statt dessen werden
sie mit überflüssigem Wissen und
einem ungeheuren Konkurrenzdruck überschüttet.
Wir sind zu einer unterentwickelten,
man könnte ja fast sagen zu einer
Steinzeit-Gesellschaft rückverwandelt.
44 NATUR UND HEILEN 11/2006
Bernhard Fricke ist Rechtsanwalt
und hat 1986 die Umwelt-,
Menschen- und Tierrechtsorganisation
„David gegen Goliath“
gegründet. Von 1990 bis 2002
war er als erster Vertreter einer
Umweltorganisation unabhängiger
Stadtrat der Landeshauptstadt
München. Im Juni 2001
gründete er das Umwelt- und
Begegnungs-Zentrum „Sonnen-
Arche“ im Chiemgau u. a. mit
Schaf Seraphin und 120 weiteren
Tieren (Pferde, Hunde usw.)
SPUREN HINTERLASSEN
N & H: Im Kleinen wie im Großen, egal was
wir tun, sollten wir unsere Aufgabe erfüllen,
unsere ganz persönliche, und uns
gleichzeitig in den Dienst des Ganzen stellen.
Bernhard Fricke: Wir sind ein kosmisches
Staubkorn und gleichzeitig sind wir Teil eines
unendlich großen Netzwerkes, in dem
alle Teile miteinander verbunden sind. Wir
als einzelner Teil sind nichts, aber als Teil
dieses universellen Netzes sind wir unendlich
wichtig. Alle Menschen haben Sehnsucht
nach Liebe, auch die Goliaths. Dieser
Mangel ist der Ausgangspunkt von so
vielen Zerstörungen. Wenn wir nach Gemeinsamkeiten
suchen würden, anstatt in
der Konfrontation miteinander zu sein –
auch auf der politischen Ebene – dann
würde sich ein wunderbarer
Austausch entwickeln,
der in die Tiefe
gehen würde.
Rückblickend kann ich
wirklich sagen, dass ich
mich im Laufe meiner
Arbeit verändert habe.
Ein großer Wandlungsprozess
ist geschehen,
worüber ich selbst staune.
Ich habe mich verändert
und habe andere
an dieser Veränderung teilnehmen lassen.
Ich möchte gern Spuren hinterlassen. Das
möchte ich sehr gern. Aber nicht mit der
Verbissenheit, mit der ich mich früher engagiert
habe, sondern mit der Gelassenheit
und dem Vertrauen, dass geschieht,
was geschehen soll, auch mit mir.
Die größte Erfahrung für mich ist zu
spüren, dass Gott in jedem Augenblick
meines Lebens in mir gegenwärtig ist, dass
ich nicht an einem bestimmten Tag an einen
bestimmten Ort gehen muss, um ihm
zu begegnen, sondern dass er durch mich
und meine Arbeit wirkt.
N & H: Herr Fricke, wir bedanken uns sehr
herzlich für dieses Gespräch.
Anne Devillard
Fotos: S.39 (Markus Hanke/VISUM/buchcover),
S.41 (blickwinkel/P.Cairns), S.42 (Joeg Lantelme),
S.44 (David gegen Goliath e.V.)
NATUR UND HEILEN 11/2006 45
Kontaktadresse
David gegen Goliath e.V., Neuhauser Str. 3,
80331 München, Tel. 089/23662050,
Fax 089/23662060,
eMail: dacg-dagg@t-online.de,
Internet: www.davidgegengoliath.de.
Mitarbeiter- und Gästetreffen:
Jeden Mittwoch, 20.15 Uhr in der
Geschäftsstelle von „David gegen Goliath“.
Spenden sind willkommen:
Spendenkonto: Postbank München,
Konto-Nr.: 414199-803, BLZ: 70010080.

von: Johanna Bassler

www.davidgegengoliath.de
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