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06.08.2009 / 18:02 | Wir über uns | Interviews mit Bernhard Fricke
Die Hoffnung des Wassertropfens
    Bild wurde überspielt von: Johanna Bassler In: Zeitpunkt 95 (2008)

    "Vielleicht ist es gerade meine Aktion, die das Fass zum Überlaufen bringt?" Der Münchner Umweltaktivist Bernhard Fricke ("David gegen Goliath") im Gespräch mit Roland Rottenfusser
Frage: Eine Münchener Zeitschrift hat gerade an zwei mutige Aktionen von dir erinnert. Sie sind in zwei sehr drastischen Bildern dokumentiert: Das eine zeigt dich mit Tisch und Stuhl auf einem Bahngleis. Du blockierst einen heranfahrenden Zug. Das andere Bild zeigt dich bei der Besetzung eines Baums, wo du für 36 Stunden sitzen bliebst, trotz Aufrufen der Polizei, runter zu kommen.

Die erste Aktion, die Blockierung eines ICE, habe ich sehr lange innerlich vorbereitet. Es hat mich große Überwindung gekostet, einen solchen Akt, der ja auch sehr strafbewehrt ist, zu begehen. Ich wollte mit dieser Aktion darauf aufmerksam machen, dass die Bahn als umweltfreundlichstes Massenverkehrsmittel durch immer weitere Leistungseinschränkungen und Servicemängel bei immer horrenderen Preisen zunehmend an Akzeptanz veliert. Die Sicherstellung des öffentlichen Verkehrs ist eine öffentliche Aufgabe, die keinesfalls allein Profitmaximierungserwägungen untergeordenet werden darf. Ich hatte Glück, dass die Polizei erst später gekommen ist, als die Aktion schon abgeschlossen war.Was ich aber mit diesen Aktionen deutlich machen wollte: Wenn uns etwas wirklich wichtig ist, müssen wir unseren Hintern hochkriegen, dann müssen wir etwas tun, ein Zeichen setzen.
Bei der anderen Aktion sollten im Zentrum von München 40 Bäume abgeholzt werden. Es war keine geplante Aktion. Ich hab nur gesehen: Das war die einzige Möglichkeit, den Baum zu schützen. Als ich wirklich zuschauen musste, wie trotz aller Proteste die Bäume abgehackt wurden, hat sich in mir eine große Wut und schließlich auch Mut entwickelt. Ich wusste, ich konnte den Baum, stellvertretend für alle Bäume, nur schützen, wenn ich oben sitzen bleibe. Es war eine sehr dramatische Situation, ich hatte Hunger und Durst, aber auch scheinbar unendlich viel Kraft. Ich konnte das Abholzen der anderen Bäume nicht verhindern, aber ich konnte einen Deal machen, dass für jeden abgeholzten Baum fünf neue Bäume gepflanzt werden sollten.

Frage: Was würdest Du Menschen raten, die sich gedrängt fühlen, gewaltfreien Widerstand zu leisten, aber noch im Zweifel sind, ob sie sich das zutrauen können?

Der Anfang ist immer die Schärfung der Wahrnehmungsfähigkeit. Dann die Urteilsfähigkeit: Entspricht das, was ich wahrnehme, meinem Gefühl von Gerechtigkeit? Aus diesem Urteilen kann ich dann die Kraft beziehen, zu handeln, und zwar unabhängig davon, ob das, was ich tue, erfolgreich ist oder nicht. Wenn ich nichts tue, dann besteht überhaupt keine Chance, dass sich das, was ich als verhängnisvoll erkannt habe, ändert. Indem ich selbst etwas tue, kann ich anderen Mut machen, sie durch mein Beispiel anstiften, ebenfalls etwas zu tun. Ich kann immer die Hoffnung haben, dass es gerade meine Aktion ist, die das Fass zum Überlaufen bringt. Gegen meine Angst hilft nur, mir einzugestehen, dass ich Angst habe, dabei aber gleichzeitig zu wissen, dass ich geschützt bin. Ich persönlich habe gelernt, eine sehr enge Verbindung mit meinem Schutzengel aufzubauen.

Frage: Wir haben jetzt in letzter Zeit das Phänomen des spirituellen Widerstandskämpfers erleben können, und zwar in Burma, wo die Mönche aufgestanden sind gegen das Regime, und jetzt ganz aktuell in Tibet. Sind diese Mönche nun zu Kriegern geworden, obwohl sie spirituelle Menschen sind, oder kann Spiritualität sogar eine besondere Kraft zum Widerstand verleihen?

Ich glaube, dass es in jedem Leben Bewährungssituationen gibt, wo theoretische, idealistische Konzepte auf den Prüfstand gestellt werden. Im Deutschland der Nazizeit war es zum Beispiel Dietrich Bonhoeffer, der ein jesuanisch geprägtes Tatchristentum gelebt hat und zutiefst vom Prinzip der Gewaltlosigkeit, der Nächsten- und Feindesliebe überzeugt war. Dennoch hat er es in einer Situation der finstersten Tyrannei für legitim gehalten, eine solch sichtbare Quelle des Unrechts zu beseitigen, als Ultima Ratio auch mit gewaltsamen Mitteln. Ich denke, die Mönche in Burma und in Tibet haben nach intensivster Gewissensanspannung in ihrer tiefsten Verzweiflung und Verlassenheit beschlossen, ein Zeichen zu setzen. Sie haben diesen Weg gewählt, wohl wissend, dass diese Form von Widerstand gegen einen übermächtigen Gegner auch zu ihrem physischen Ende führen kann.

Frage: Siehst du im demokratischen Europa der Jetzt-Zeit Keimzellen einer Diktatur oder problematische Entwicklungen?

Ich sehe diese kollektive Ent-Individualisierung, dieses Abdriften in eine Uniformität, die sich in fast allen Lebensbereichen äußert. Die Menschen verstehen sich selbst zwar als Individuen, nehmen aber überhaupt nicht wahr, dass sie Teil eines manipulierten Einheitsbreis sind. Wenn die Stimme des Gewissens versiegt, eine Instanz in uns, die sehr leise, aber doch nachdrücklich zu uns spricht, dann ist der einzelne Bürger reif für jede Art von Manipulation. Unlängst hat der Film „Die Welle“ ein sehr erschreckendes Bild gezeichnet. Wir sind offenbar als Persönlichkeiten so nachhaltig deformiert worden, dass es praktisch aus dem Stand mit minimalen Einwirkungen möglich ist, die Bedingung zu einer neuen Gesinnungsdiktatur zu schaffen.

Frage: Was ist es, was den harmlos wirkenden Normalbürger dazu disponiert, solchen Diktaturen immer wieder zu erliegen?

Es werden massenweise Persönlichkeiten mit einer chronischen Ich-Schwäche produziert. Es fängt schon bei der Erziehung an, wo unbedarfte Eltern ihren Kindern Zuwendung unter der Bedingung geben, dass sie sich unterordnen und anpassen. Ich verhalte mich konform, bin lieb, also erhalte ich Zuwendung. Diese Deformation setzt sich fort im Kindergarten, in den Schulen, in den Universitäten, wo der Verwertungsdruck ja heute ungleich stärker ist als früher. Das Ergebnis ist: Wir haben ein oberflächlich funktionierendes, egomanisches Bündel vor uns, eine wandelnde Ich-AG, die nicht gemeinschaftsfähig ist und allen möglichen Manipulationen der Werbung und politischen Einflüsterungen ziemlich willenlos gegenüber steht. Das Ausprägen von starken Persönlichkeiten, die natürlich unbequem sind und ihren eigenen Willen haben, wird in einem solchen System sehr erschwert. Im Umkehrschluss heißt das: Alles kommt auf die Erziehung zur ich-starken, urteilsfähigen, gemeinschaftsfähigen Persönlichkeit an. Es ist eine Schande, dass unser Schulsystem dies – gerade nach den vernichtenden Erfahrungen der Nazizeit – nicht leistet.

Frage: Durch den 40. Jahrestag des berühmten Jahres 1968 wird über dieses Thema wieder heftig diskutiert. Könntest du erklären, was du an der 68er-Bewegung bewunderst und was du für weniger vorbildhaft hältst?

Ich habe diese Zeit ja teilweise selbst während meiner Schulzeit, wo ich als Schulsprecher etc. sehr engagiert war, miterlebt. Es war absolut überfällig, dass da ein vermufftes, ein erstarrtes System einmal kräftig durchgemischt worden ist. Das System wäre damals von innen heraus überhaupt nicht mehr reformfähig gewesen. Diese selbstgefällige, in sich erstarrte, autoritäre Nachkriegsgesellschaft, die ihre Nazi-Vergangenheitsbewältigung überhaupt nicht geleistet hatte, die die Probleme der Dritten Welt ignoniert hat und schon wieder in eine satte Selbstgefälligkeit abgeglitten ist. Was mir nicht gefallen hat und was ich an den Linken immer wieder kritisiert habe, ist der Mangel an Selbstkritik. Sie haben nicht gesehen, wie sehr sie selbst Teil des Systems gewesen sind, das sie so scharf verurteilen. Sie haben die Gewalt im Außen kritisiert, sich aber mit ihrem eigenen Gewaltpotenzial nicht auseinander gesetzt. Der wesentliche Teil jeder Revolution ist ja, dass der Revolutionär sich selbst in die Veränderung mit einbezieht.
Das trifft für die meisten 68er, wenn man ihren Lebensweg weiter verfolgt, leider nicht zu.

von: Johanna Bassler

www.davidgegengoliath.de
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