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05.08.2009 / 18:02 | Wir über uns | Interviews mit Bernhard Fricke
Zerstörung innen - Zerstörung aussen: Wege der Heilung
    Bild wurde überspielt von: Johanna Bassler Interview in Natur&Heilen 11/2006

    NATUR & HEILEN: Herr Fricke, Sie sind Rechtsanwalt und Gründer der Organisation „David gegen Goliath e. V.“ – den Menschen und der Umwelt zuliebe –, die in diesem
    Jahr ihr 20-jähriges Jubiläum feiert. Was hat Sie damals zu diesem inhaltsvollen Namen inspiriert?
Bernard Fricke: Als sich am 26. April 1986 die Atomkatastrophe von Tschernobyl ereignete, wurden wir zum ersten Mal in der Menschheitsgeschichte mit dem größten anzunehmenden Unfall (GAU) konfrontiert, 2000 km von uns entfernt. Es war etwas passiert, vor dem lange vorher gewarnt wurde und das die Atomenergie, bis dahin als sicherste und sauberste Energiequelle gefeiert, ad absurdum führte. Als Reaktion auf diese Atomkatastrophe fand sich eine Gruppe von Menschen über alle Parteigrenzen hinweg zusammen, die ihrer
Ohnmacht eine Stimme verleihen wollte: „Wir wollen keine hilflosen Opfer sein, wir wollen keine Geisel der Atomenergie sein!“
Ein Unfall wie Tschernobyl kann sich jederzeit auch bei uns wiederholen, es gibt angeblich jedes Jahr 120 amtlich registrierte
Störfälle. Ob ein Störfall die Kategorie A, B oder C – es gibt insgesamt fünf Kategorien – hat, ist reiner Zufall. Da kann der Mensch nichts mehr beeinflussen. Dies zeigt, wie unsicher diese Technologie ist.
Diese Arbeit, vor der Gefahr der Atomenergie zu warnen und immer wieder Zeichen für andere zu setzen, erfüllt mich sehr.

Nun zu dem Namen „David gegen Goliath“: Er kam mir plötzlich durch Inspiration! Und bereits drei Minuten später war die dynamische Abkürzung klar: DaGG. Ich kannte ja die Geschichte von David gegen
Goliath, aber ich hatte sie noch nie als Metapher wahrgenommen. David bedeutet einfach der Kleine, der eigentlich keine Chance hat und doch erfolgreich ist. David, der den übermächtigen Goliath, den
Atomgoliath, den Wachstumsgoliath, mit minimaler Einwirkung zur Strecke bringt. Obwohl wir sehr wenig finanzielle Mittel haben, ist es uns gelungen, jahrelang das Thema der Atomenergie im Bewusstein der Menschen wach zu halten und den Unfall von Tschernobyl als Anlass zu nehmen, sich zu fragen: „Was will uns Tschernobyl als Botschaft sagen?“. Wir haben dann die Metapher weitergeführt und diesen Weg gegen die Zerstörung unseres Planeten den „Davids Weg“ genannt, also den Weg der kleinen Schritte mit großer Perspektive.

N & H: Der „Davids Weg“ gegen die großen Hindernisse, also der Weg der kleinen Schritte gegen die Widerstände, die immer auftauchen, gleichgültig welches Projekt man sich vornimmt. Das scheint überhaupt der Weg des Menschen auf dieser Welt zu sein.

Bernhard Fricke: Ja, das ist ein Urmythos, wobei am Anfang nur das Bild „David gegen Goliath“ stand. Ich muss dazu sagen, dass die Gruppe „David gegen Goliath“ zunächst eine Plattform von fünf verschiedenen, nicht parteipolitischen Organisationen war, die miteinander Protestaktionen initiiert haben. Es gibt in Deutschland im Gegensatz zu Frankreich keine Volksabstimmung. So war es nicht möglich, ein direktes Referendum über die Atomenergie zu initiieren. Wir konnten aber damals immerhin 200 000 Unterschriften in drei Monaten sammeln! Dann kamen aber die bayerischen Landtagswahlen und das bayerische Volk hat den Worten der Politiker Glauben geschenkt, nämlich dass die deutschen Atomkraftwerke sicher sind. Die Bürger haben trotz Tschernobyl weiter auf die Atomenergie als Träger unserer Energiequelle gesetzt.

N & H: Meistens sind es Trägheit und Bequemlichkeit, die einem Mangel an Engagement zugrunde liegen. Es verlangt Kraft und Entschiedenheit, Verantwortung für die Gestaltung seines Lebens und der Welt, in der wir leben, zu übernehmen.

Bernhard Fricke: Ja, das ist ein entscheidender Aspekt. Ich muss aber auch sagen, dass unsere Gruppe am stärksten war, als wir am Anfang in der Gegenposition waren, also gegen die Atomenergie in Deutschland,
gegen Wackersdorf, gegen die Wiederaufbereitungsanlage. Da befand sich Goliath, also die Repräsentation des „Bösen“, im Außen. Im Zuge der Weiterentwicklung unserer Gruppe, die von der persönlichen
Ganzwerdung nicht getrennt werden kann, sind wir in langen Reflexionen immer mehr zu dem Schluss gekommen, dass es nicht ausreicht, gegen etwas zu sein – gegen die Atomenergie –, sondern
dass es notwendig ist, eine gleichgewichtige Alternative entgegenzubringen.
Und so kam es zwei Jahre danach, 1988, zu der Initiative „Kontra Atom, pro Sonnenenergie“. Die Sonne war immer schon in allen
großen Menschheitskulturen Ausdruck des Geistig-Göttlichen gewesen – ob man Ägypten insbesondere nimmt, oder Mexiko mit den Inkas und Azteken, auch Indien oder China. Und auf der energetischen Ebene ist sie die unerschöpflichste, sozialverträglichste Energiequelle, die uns das 10 000fache des Energieverbrauchs der ganzen Erde liefert. Die große Aufgabe bleibt aber, den richtigen Speicher für diese
ungeheure Menge an Energie zu finden.
Ich bin mir sicher: Wenn wir uns zum Ziel setzen würden, aus der Atomenergie auszusteigen und uns auch von den fossilen Brennstoffen, also Erdöl, Kohl und Gas, als Energiequelle distanzieren würden, wären wir mit der Frage der Speichermöglichkeit konfrontiert. Aber es gibt keinen Zweifel: Die Sonnenenergie verschafft uns ein größtmögliches Maß an Autonomie. Wir hätten ja andere Möglichkeiten, eine andere Energiepolitik zu betreiben, aber die notwendigen Schritte werden aus undurchsichtigen, wirtschaflichen Gründen nicht beschritten.

N & H: Der „Davids Weg“ scheint also mit einem Lernprozess verknüpft zu sein.

Bernhard Fricke: Absolut! Nach dem ersten Schritt, der mit dem starken Impuls: „Wir müssen etwas unternehmen, Tschernobyl hat etwas mit uns zu tun!“ einherging, kam der zweite Lernschritt, der uns klar zeigte: „Wir können nicht nur gegen etwas sein, sondern müssen eine Alternative anbieten.“ Dann kam der dritte Schritt mit den 11 Umweltgeboten. Uns wurde bewusst, dass wir uns nicht ausschließlich auf das Energieproblem fokussieren, sondern uns der Umweltproblematik
als Ganzem widmen sollten, also der Verschmutzung der Luft, des Wassers, der Erde, unserem Umgang mit den Tieren, mit den Pflanzen, der Debatte um die Genmanipulation.
Es war eine entscheidende Wende, als wir erkannten, dass wir selbst an all diesen Problemen beteiligt sind, und dass es nicht darum ging, den Politikern die Verantwortung zu überlassen. In dem Augenblick, wo
wir ein Problem erkennen, können wir es auch lösen. Nicht die Politiker allein sind für die Lösung zuständig, sondern: „Fang bei
dir selbst an, also geh in die Handlung!“
Das klassische Gebot heißt immer: „Du sollst!“ An dessen Stelle haben wir: „Ich will!“ gesetzt. Also: „Ich will alles tun, um weniger Wasser zu verbrauchen. Ich will kein Wasser über die Klospülung verschwenden, ich will meine Wohnung stattdessen mit intelligenten Wasserspargeräten ausrüsten.“
Diesem „Du sollst!“, das eine äußere Autorität darstellt, haben wir ein positives, autonomes „Ich will!“ entgegengesetzt: Ich, ein
autonomer, einsichtsfähiger Mensch, sehe ein Problem, erkenne meinen eigenen Anteil daran und sage: „Ich fange mit dem ersten Schritt nicht übermorgen an, auch nicht in einem Jahr, sondern heute!“ Und wenn dies jeder von uns tun würde, würden wir mit Sicherheit eine ansteckende Wirkung auf unsere Familie, unsere Freunde, unsere
Nachbarn ausüben. Denn an dieser Stelle fängt das morphogenetische Feld, von dem Rupert Sheldrake spricht, an zu wirken. Wenn wir die Dinge bewusst tun, also kleine Schritte mit großer Perspektive machen, wie David es tut, fangen wir an einer Stelle an, ein Problem konkret zu lösen.
Und gleichzeitig – da wir Teil des großen Ganzen sind – trägt unsere Problemlösung zur Harmonisierung des Ganzen bei.

N & H: Deshalb ist es in Ihren Aktionen Ihr großes Anliegen, Menschen zu zeigen, dass sie, egal, wo sie sind, etwas tun können. Wenn jemand merkt, dass etwas für ihn nicht stimmig ist, soll er in die Handlung
gehen!

Bernhard Fricke: Ja, „Fangt an!“ ist die wichtigste Botschaft. „Wartet nicht!“ Unsere Philosophie beruht auf fünf Feststellungen:

1. Wir Bürger dieser Erde befinden uns heute in einer dramatischen Lage.
2. Wir haben alle einen Anteil an diesen Problemen. Denn alles, was sich im Außen manifestiert, hat etwas mit uns zu tun.
3. Wenn wir das erkannt haben, dann können wir in unserem Bereich anfangen, die Probleme zu lösen: „Wie gehe ich mit den Pflanzen in meinem Garten um? Was für ein Energieverhalten habe ich? Wie viel
Strom verbrauche ich? Was habe ich für ein Fahrzeug? Wo lege ich
mein Geld an? Wo kaufe ich ein?“ und schließlich „Mit wem verbinde ich mich?“
Und damit sind wir bei dem 4. Schritt. Das ist ein ganz wichtiger Punkt: Sich mit anderen zu solidarisieren, sich mit Menschen zu verbinden, die auch unter diesen Problemen leiden und die auch zu
deren Veränderung beitragen könnten.
Und jetzt kommt der Trumpf: Wenn wir das Problem erkennen, entsprechend handeln und uns mit anderen vernetzen, dann ist
unser Tun im Dienste des Ganzen, dann können wir mit dem Segen unseres Tuns, mit der Unterstützung der geistigen Welt rechnen.
Es gibt keinen willkürlichen, autoritären Gott, der das Schicksal der Welt lenkt, der die einen reich und schön und die anderen arm und krank macht. Gott hat uns die Freiheit gegeben, zu tun und zu lassen, wie wir es wollen.

N & H: Der freie Wille...

Bernhard Fricke: Ja, der freie Wille. Wir allein sind es, die uns in diese aussichtslose Situation hineinkatapultiert haben. Wir befinden
uns nicht schicksalhaft in einer Wüste, in der wir kein Wasser finden. Wir haben diese Welt ja selbst kreiert. Wir haben mit dem unglaublichen Wissen, das wir erworben haben, technologische Fortschritte erzielt und die Erde umgestaltet. Aber wir haben es nicht in Anbindung an eine göttliche Kraft getan. Wir haben die
Natur als minderwertig behandelt, haben auf der Erde gewütet, haben das Spiel mit den Atomkernen gespielt – und jetzt können wir die Geister, die wir riefen, nicht mehr ausbalancieren. Zum ersten Mal in
der Menschheitsgeschichte haben wir die Möglichkeit, kollektiv Leben zu schaffen – über die Gentechnologie – und kollektiv Leben zu vernichten. Eigentlich befinden wir uns in einem großen Schiff auf dem Ozean, das weitgehend führerlos geworden ist. Nur durch die Verbindung mit der göttlichen Quelle kann im letzten Moment noch eine Umkehrung, eine Harmonisierung stattfinden.

N & H: Das geht nur, wenn wir Spiritualität in allen Bereichen unseres Lebens integrieren, wenn wir das Bewusstsein entwickeln,
dass sich die göttliche Kraft in der Aufgabe, der wir uns widmen, ausdrückt. Wir manifestieren sie in dem, was wir tun.

Bernhard Fricke: Ja, so ist es. Das Engagement wird zur Berufung. Und trotzdem bleibt der Weg voller Hindernisse. Nachdem ich die Überzeugung gewonnen hatte, es wäre meine Aufgabe, zur Abschaffung
der Atomenergie beizutragen – ich wollte wirklich mit anderen zusammen an die Front gehen und an dieser entscheidenden
Problematik mitwirken –, wurde ich im Zuge meiner Erkenntnisse viel bescheidener. Ich hatte eine große Vision, ohne diese Vision hätte ich mich nicht auf diesen Weg begeben.

N & H: Die Vision lenkt, die Begeisterung ist der Motor...

Bernhard Fricke: Ja, sonst fängt man gar nicht erst an. Die Vision gibt uns die Kraft, uns auf den Weg zu machen und weiter zu
schreiten – trotz der vielen Hindernisse, die auftauchen. Es war auch wichtig für mich festzustellen, dass die sogenannten bösen Kräfte nicht nur außerhalb von mir sind, sondern dass auch in mir die aggressiven, destruktiven, finsteren Kräfte wirken. Das zu erkennen, tut sehr weh. Aber dann kommt die Erkenntnis: „Ich bin wie jeder
Mensch. In mir wirken sowohl die göttlichen, lichten als auch die destruktiven, dunklen Kräfte.“ Und dann aus dieser Erkenntnis
heraus die Entscheidung zu treffen: „Welchen Kräften gebe ich jetzt mehr Raum?“ Das ist der entscheidende Punkt, an dem jeder für sich die Entscheidung zu treffen hat für das, was man isst, was man
liest, mit welchen Menschen man sich umgibt, über welche Dinge man spricht. Sich also in jedem Moment seines Lebens über seine Gedanken, seine Gefühle und auch seine Handlungen im Klaren sein, sich auch
meditativ oder im Gebet mit der göttlichen Kraft zu verbinden. Das ist für mich die Ebene, die mir hilft, die intensiven politischen
Auseinandersetzungen zu ertragen.

Von meinem Freund, dem indianischen Häuptling Sun Bear, habe ich sehr viel gelernt. Wie kein anderer zuvor hat er mich daran erinnert, dass wir alle Teil der Natur sind, dass die Erde unsere Mutter, der
Baum unser Bruder ist. Sun Bear zeigte mir, mit dem Wind, mit dem Wasser, mit den Pflanzen in einer ehrfurchtsvollen Form zu sprechen. Er sagte: „Die Erde ist heilig. Wir müssen die Erde als eine Manifestation des Göttlichen, als unsere Mutter betrachten und ihr mit Achtsamkeit gegenüber treten.“ Dieser Begriff des Heiligen ist mir im Laufe der Jahre immer wichtiger geworden. Denn in unserer Gesellschaft, in der alles enttabuisiert worden ist, gibt es keinen geschützten Raum mehr, um in Kontakt mit der göttlichen Welt zu treten. Und doch: In meinem Zimmer, in meinem Haus, im Wald, an jedem Ort kann ich diese Verbindung zu Gott herstellen, und zwar in Ehrfurcht und Dankbarkeit, weil ich mich als Teil der göttlichen
Energie sehe.

N & H: Wir leben dieses Leben, um die Göttlichkeit, unsere Göttlichkeit auszudrücken – je nach Anlage. Bei Ihnen manifestiert
sie sich durch Ihr Engagement gegen die Atomkraft, für eine natürliche, unerschöpfliche Energiequelle. Das ist ein Weg auf des Messers Schneide und gleichzeitig eine Fügung.

Bernhard Fricke: Ja, ich bin mit dieser Herausforderung in diesem Leben konfrontiert. Für jemand anderen gibt es wieder eine andere Aufgabe. Das kann der Kampf gegen das Elefantenmassaker in Afrika, das kann auch das Sterben von hungernden Kindern oder der Krieg in Afghanistan sein – gleichgültig, wohin uns unser Weg führt, es ist entscheidend zu erkennen, dass der Kampf, der im Außen geführt wird, der an äußeren Phänomenen festgemacht wird, einem inneren Wandlungsprozess entspricht.
So hat auf dem sozial-politischen „Davids Weg“ meine eigene Wandlung
stattgefunden, es sind daraus spirituelle Erkenntnisse gewachsen.

N & H: Das ist ein sehr interessanter Punkt: Zunächst war es vordergründig ein sozialpolitisches Engagement, das sich dann immer
mehr als ein spiritueller Weg entpuppt hat.

Bernhard Fricke: Ja, genau. Das war ein Weg, der von außen in das Innere geführt hat. Und das Besondere daran ist, dass der Weg jetzt wieder von innen nach außen geht. Ich kann jetzt sagen, dass die Verbindung zwischen Innenpolitik und Spiritualität meine eigentliche Lebensaufgabe ist. Mein Weg ist eine Mischung aus innerer und
äußerer Aktivität: Einerseits der politische Weg, als Bürger dieser Welt Verantwortung zu übernehmen, und andererseits der spirituelle Weg in Verbindung mit der göttlichen Kraft.
„Wo wollen wir denn überhaupt hin?“ Diese Frage stellt heute keiner mehr, obwohl wir in einer Welt leben, in der jede Stunde 4000 Kinder sterben, in der 80 % der menschlichen Ressourcen für Rüstung, also für Vernichtung, ausgegeben werden.
Die Grundfrage, die wir uns stellen sollten, ist: „Wollen wir einen anderen politischen Weg gehen, der von uns große, aber freiwillige
Veränderungen abverlangt?“ Denn der Lebensstil, den wir im Westen pflegen, geht auf Kosten der Dritten Welt, auf Kosten unserer Kinder und der nachfolgenden Generationen, schließlich auf Kosten der Natur und der Umwelt. Gerade jetzt, wo nicht nur die Vernichtung von Leben,
sondern überhaupt die Vernichtung des ganzen Planeten im Vordergrund steht, ist unsere Aufgabe um so dringender, uns dieser großen Herausforderung zu stellen.
Ein weiterer Leitspruch von „David gegen Goliath“ ist: „Wenn uns unsere Kinder fragen: „Was habt ihr dagegen getan? Wollt ihr wieder sagen, ihr hättet nichts davon gewusst?“ Das will ich mit meinem Engagement verhindern.

Obwohl sich im Laufe der Zivilisation der Mensch aus Weisheitslehren und Religionen gespeist hat, die ihn Liebe, Achtung vor den Geschöpfen und Toleranz gelehrt haben, hat er sich für Gewalt und Negativität entschieden. Und ich frage mich immer: Wie kommt es eigentlich dazu? Wir wissen doch um unsere eigene Göttlichkeit,
warum verhalten wir uns denn immer wieder in einer chronischen Abfolge wider unsere göttliche Natur. Wir sind nicht getrennt von Gott, Gott wirkt in uns in jedem Moment unseres Lebens. Diesen göttlichen Kern in uns zu entdecken und uns nicht von allem, was uns umgibt, entmutigen zu lassen, ist unsere eigentliche Lebensaufgabe.
Von uns allen. Es ist wichtig, dass wir diese beiden Aspekte in uns erkennen: Einerseits den göttlichen Kern stärken und andererseits
hinausgehen – zu den anderen Menschen und ihnen die Hand ausstrecken, ihnen Mut machen und sie trösten.

N & H: Also den anderen den Diamanten weitergeben, den man im Laufe der Prüfungen geschliffen hat.

Bernhard Fricke: Ja! Und umgekehrt wird man auf diesem Weg wieder andere Menschen treffen, die einen weiter bringen. Aber ich muss ehrlich sagen, dass ich es mir nicht so schwer vorgestellt habe.
Das war ein großer Lernprozess, zunächst sogar eine Enttäuschung. Aber dann habe ich erkannt: Es gibt eine große Familie, die sich nicht aus dem so genannten Blutsband speist, sondern die aus Seelenverwandten besteht. Auf meinen vielen Reisen durch die Welt habe ich immer wieder Menschen getroffen, die ich vorher gar nicht kannte, mit denen ich mich aber für einen Augenblick eins und verbunden gefühlt habe.
Das sind meine wirklichen Brüder und Schwestern. Aber zu denken,
dass den Weg der Liebe, der Verbindung mit der göttlichen Kraft zu gehen eine leichter Weg ist, wäre die größte Illusion. Es gab Phasen, in denen ich sehr bedrückt und entmutigt war und mich dennoch letztendlich dieser Kraft geöffnet habe und erkannt habe: „Ich bin am Ende meiner Kräfte, ich kann nicht mehr weiter gehen, ich weiß keinen Ausweg mehr.“ In meiner Hilflosigkeit vertraute ich mich dieser Kraft an und konnte wieder ein Stück weitergehen.

N & H: Meinen Sie nicht, dass ein Lernprozess, sei es im Bereich der Heilung oder der inneren Entwicklung, sprunghaft und nicht linear vonstatten geht? Es ist wie ein Aneinanderreihen von Phasen des Stillstands und Phasen des Wachstums.

Bernhard Fricke: Ja, ich sehe, wie Sie es sagen, das Leben als eine Vielzahl von kleinen Geburten, von neuen Räumen, die es zu erobern gilt. Natürlich werden wir dabei die Erfahrung von Einsamkeit, Enttäuschung, Traurigkeit machen. Aber gerade in diesen Momenten, wo wir uns ganz verlassen fühlen, bekommen wir die göttliche Begleitung zu spüren. Ich bin vielleicht am Ende, aber ich weiß, dass es eine Kraft gibt, die viel größer ist als meine eigene und der ich mich anvertrauen kann. Ich weiß, dass es eine Kraft gibt, die immer für
mich da ist und mit der ich mich austauschen kann. Das ist auch die Kraft, die mir die ganzen Jahre hindurch ermöglicht hat, meinen Weg zu gehen. Und letztendlich habe ich immer darum gebeten, dass ich
den Weg mit Freude und Liebe gehen kann. Ich wünsche mir sehr, dass man es schaffen kann – und dies nicht als Bettler mit Asche umhüllt oder als Asket bzw. Märtyrer –, die Liebe, die in uns wirkt, in unsere alltäglichen, materiellen Verpflichtungen und Bedürfnisse einfließen zu lassen. Dass unser Leben diese Fülle, diese Freude im Innen wie im Außen ausdrückt.

Immer wieder werden wir in einen Zustand des Einswerdens geführt, meistens in einem Moment des Schweigens, meistens verbunden mit Naturerlebnissen: Ein Sonnenaufgang, das Flüstern des Windes, das
Rauschen eines Bachs – in diesen Augenblicken sind wir Teil des Ganzen, dem wir uns staunend, dankbar, ehrfürchtig, verneigend
anvertrauen. Diese Räume zu erfahren, gibt uns schließlich die Kraft, auf unserem Weg weiter zu schreiten.

N & H: Die Freude, von der Sie sprechen, ist sehr wichtig. Sie treibt uns vorwärts.

Bernhard Fricke: Ohne Freude geht nichts. Es fängt mit den kleinen Freuden beim Aufstehen an: Auf den Balkon gehen und den Tag begrüßen zum Beispiel. Oder im Wald spazieren zu gehen und einen Baum zu
umarmen – das sind ganz konkrete Gesten, die es ermöglichen, sich mit seinem inneren Kern zu verbinden. Das sind uralte Energien, mit denen die Menschen sich zu allen Zeiten verbunden haben. Solange entwickelte Menschen ihre Fähigkeiten auf die göttliche Kraft bezogen haben und sich als Diener empfunden haben, war diese Zivilisation in voller Blüte. Aber in dem Augenblick, als die Menschen sich von der
göttlichen Kraft abkoppelten und sich als die eigentlichen Macher empfunden haben, ging sie zu Ende.

Wir haben so viele Waffen angehäuft, dass unsere Welt ein einziges Pulverfass geworden ist. Wir haben es verpasst, in der Schule unsere Kinder zu Liebe und Achtsamkeit zu erziehen. Statt dessen werden
sie mit überflüssigem Wissen und einem ungeheuren Konkurrenzdruck überschüttet. Wir sind zu einer unterentwickelten, man könnte ja fast sagen zu einer Steinzeit-Gesellschaft rückverwandelt.

N & H: Im Kleinen wie im Großen, egal was wir tun, sollten wir unsere Aufgabe erfüllen, unsere ganz persönliche, und uns gleichzeitig in den Dienst des Ganzen stellen.

Bernhard Fricke: Wir sind ein kosmisches Staubkorn und gleichzeitig sind wir Teil eines unendlich großen Netzwerkes, in dem alle Teile miteinander verbunden sind. Wir als einzelner Teil sind nichts, aber als Teil dieses universellen Netzes sind wir unendlich wichtig. Alle Menschen haben Sehnsucht nach Liebe, auch die Goliaths. Dieser
Mangel ist der Ausgangspunkt von so vielen Zerstörungen. Wenn wir nach Gemeinsamkeiten suchen würden, anstatt in der Konfrontation miteinander zu sein – auch auf der politischen Ebene – dann würde sich ein wunderbarer Austausch entwickeln, der in die Tiefe gehen würde.
Rückblickend kann ich wirklich sagen, dass ich mich im Laufe meiner Arbeit verändert habe.Ein großer Wandlungsprozess ist geschehen, worüber ich selbst staune. Ich habe mich verändert und habe andere
an dieser Veränderung teilnehmen lassen.
Ich möchte gern Spuren hinterlassen. Das möchte ich sehr gern. Aber nicht mit der Verbissenheit, mit der ich mich früher engagiert habe, sondern mit der Gelassenheit und dem Vertrauen, dass geschieht, was geschehen soll, auch mit mir.

Die größte Erfahrung für mich ist zu spüren, dass Gott in jedem Augenblick meines Lebens in mir gegenwärtig ist, dass ich nicht an einem bestimmten Tag an einen bestimmten Ort gehen muss, um ihm
zu begegnen, sondern dass er durch mich und meine Arbeit wirkt.

N & H: Herr Fricke, wir bedanken uns sehr herzlich für dieses Gespräch.




von: Johanna Bassler

www.davidgegengoliath.de
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